Das Münchner Buch- und Kunstantiquariat Robert Wölfle legt seinen zehnten Kinderbuchkatalog vor und feiert damit ein Jubiläum. Kataloge mit alten Kinderbüchern haben im Hause Wölfle Tradition, denn bereits seit 1981, also seit über 20 Jahren, sind Kataloge zu diesem reizvollen Sammelgebiet erschienen.
Das Sammeln alter Kinderbücher hat sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit erfreut. Einer der Gründe hierfür mag darin liegen, dass alte Kinderbücher Erinnerungen an die eigene Kinderzeit wachrufen, an eine traumhaft ursprüngliche und einfache Welt, die dem Erwachsenen verlorengegangen ist. Der vorliegende Katalog möchte hierfür Anregung und Verlockung zugleich sein. Er umfasst 611 Nummern und ist reichhaltig illustriert. Die hier zusammengetragenen Bücher reichen von vergriffenen Titeln der eigenen Kindheit bis hin zu seltenen Zimelien für den langjährigen Sammler.
Schon der elegant wirkende Umschlag mit den in kräftigem Rot und Orange gekleideten spielenden Kindern vor grauem Hintergrund deutet auf einen Schwerpunkt dieses Kataloges hin: die Darstellung von Tom Seidmann-Freud aus "Das neue Bilderbuch" von Stora Max steht stellvertretend für die Gruppe der künstlerisch gestalteten Bilderbücher des 20. Jahrhunderts. Von ihr, der Nichte Sigmund Freuds, sind zwei weitere, äußerst seltene Titel vertreten, "Das Buch der erfüllten Wünsche" und "David the Dreamer". Zu nennen ist im Zusammenhang mit Künstler-Bilderbüchern außerdem Lily Hildebrandt mit "Klein-Rainers Weltreise" und Illustrationen weiterer Künstler wie Karl Arnold, Karl Ferdinand Freyhold, August und Otto Geigenberger, Hiltrude Kreher und Ernst Kreidolf. Ihre Bücher gehören zu den begehrtesten Sammelobjekten. Bertold Löffler, der bekannte Vertreter der Wiener Werkstätte, ist mit einem eigenhändig kolorierten Probedruck zu den "Sieben Zwergen Sneewittchens" von 1912 vertreten. Aus neuerer Zeit kommen Bilderbücher der Künstler HAP Grieshaber und Andy Warhol dazu.
Der Komplex der ABC-Bücher bildet traditionell den Anfang des Kataloges. Herausragendes Beispiel ist der "Neue Lustweg zum Ziel nüzlicher Künste und Wissenschaften", ein sehr seltenes Kinderlehrbuch, das eine Kombination von ABC und Orbis Pictus darstellt und die einzelnen Buchstaben des ABC lautmalerisch darstellt. Außerdem findet man Victor Adams "Alphabet et chiffres récréatifs" um 1840 und die "Erste billige Bilderfibel für kleine Kinder" von 1831, beides herausragende Beispiele für die frühe bildhafte Vermittlung von Lesekenntnissen.
Bei den Kinderbüchern von A - Z finden sich unter dem Schlagwort Anschauungsbilder einige bemerkenswerte Beispiele. Besonders hervorzuheben ist hier der Taubstummenlehrer Carl Wilke mit seinen "Sechzehn Bilder-Tafeln für den Anschauungs-Unterricht" von 1839. Diese rare Folge von großformatigen und kulturhistorisch interessanten Bildern aus der Umwelt der Kinder war zunächst für den Unterricht an Taubstummenschulen gedacht, wurde wegen ihres großen Erfolges aber auch an Elementarschulen verwendet.
Eine eigene Rubrik bildet die Gruppe der beweglichen, Spiel- und Verwandlungs-Bilderbücher. Besonders hervorzuheben ist hier das sehr seltene Bilderbuch "Das verloren geglaubte Hänschen", ein Klappbilderbuch, in dem das Kind vom Betrachter (durch das Heben der Klappen) im Sofa, im Schrank, in der Zisterne, hinter Stalltüren usw. gesucht wird.
Das beliebte Sammelgebiet der Struwwelpeteriaden ist besonders reichhaltig vertreten. Eingeleitet wird es mit einem Klebealbum um 1850, das sowohl eine extrem seltene, sehr frühe Struwwelpeter-Ausgabe enthält als auch mehrere sehr seltene Struwwelpeteriaden aus derselben Zeit, eine wirkliche Rarität! Zu nennen sind außerdem Otto Geigenbergers "Bilderbuch für brave und böse Kinder", die "Struwwelkinder" von Clara Pfingsten-Heuer, "Der Struwwelpeter von Heute" von Siegfried Stern, aber auch "Die brave Bertha und die böse Lina" oder "Zwölf schöne Geschichten", beide vom Erfolgsgespann Franz Bonn und Lothar Meggendorfer. Darüber hinaus finden sich auch einige moderne Struwwelpeteriaden, die 1994 zum 150. Geburtstag des "Struwwelpeter" im Struwwelpeter-Original-Verlag erschienen sind und das Sammelgebiet abrunden.
Neben dieser Fülle an Zimelien bleiben genügend Chancen auch für den kleineren Geldbeutel, wie zahlreiche Bilderbücher der Nachkriegszeit beweisen.
Ein Blick auf weitere Schlagworte des Kataloges, wie Auto, Berufe, Fibel, Heinzelmännchen, Katzen, Politik, Puppen, Schlaraffenland, Weihnachten oder Zirkus veranschaulicht, wie vielseitig je nach persönlicher Vorliebe das Sammelgebiet der Kinderbücher ist.
Außerdem weist das Künstlerregister auf wichtige Illustratoren hin. Beispielhaft genannt seien Elsa Beskow, Beatrice Braun-Fock, Gertrud Caspari, Susanne Ehmcke, Elsa Eisgruber, Hans Fischer, Fedor Flinzer, Fritz Kredel, Ernst Kutzer, Joseph Mauder, Lothar Meggendorfer, Marie und Sibylle von Olfers, Franz Pocci, Marlene Reidel, Arpad Schmidhammer, Maurice Sendak, Louise Thalheim, Walter Trier oder Else Wenz-Vietor.
Abgerundet wird der Katalog mit einem Kapitel Sekundärliteratur, in dem der Sammler nützliche Fachliteratur findet. Erschlossen werden die Titel durch ein Autoren-, Künstler- und Verlagsregister, für interessierte Laien wie Sammler ein unentbehrliches Hilfsmittel.
Der reich bebilderte Katalog kann beim Antiquariat Wölfle bestellt werden (Schutzgebühr € 10).